Texte

Ingrid Lavee: Rafaelas Geschichte.
Herbig 2001. 348 Seiten.

Es gibt immer auch ein anderes Leben, eines, das nicht gelebt wird, von dem man auch gar nichts wissen will. Aber dann geschieht etwas, das ein Loch in die Mauern der Abwehr schlägt, und plötzlich wird das andere Leben sichtbar, vielleicht sogar der Weg dorthin zur Notwendigkeit. In Ingrid Lavees Debütroman "Rafaela" lebt die Protagonistin ein Leben, das für die meisten Lesenden reich an Exotik zu sein scheint. Rafaela ist orthodoxe Jüdin in einer Vorstadt Tel Avivs, gläubig, verheiratet, Mutter von 13 Kindern. Sie arbeitet an der religiösen Universität und wird eines Tages mit der Tatsache konfrontiert, daß ihr Mann ihre Arbeit dort gekündigt hat. Er, der als Mann der Religion höchste Ansprüche an die Einhaltung der Gesetze stellt, ist dahinter gekommen, daß sie heimlich die Anti-Baby-Pille einnimmt und versucht nun auf seine Art, sie wieder ins rechte Leben zurückzuholen. Für Rafaela allerdings beginnt mit diesen Restriktionen ein Prozeß der Emanzipation, der sie immer weiter aus dem orthodoxen Leben herausführt, ihr den Blick auf die andere Welt öffnet, ja geradezu aufzwingt. Ihre kleinen Schritte ins eigene Leben werden jedoch behindert: durch die eigene Unsicherheit, durch die Angst vor Verlusten, durch eine uneinsichtige Umwelt, die in der Gestalt des Ehemannes zu immer radikaleren Mitteln der Beschränkung greift. Rafaela ist eine starke Frau. Während sie anfangs zurückweicht, verfestigt sich in ihr immer mehr das Gefühl, daß das Bestimmungsrecht eines anderen über ihr Leben nicht recht ist. Sie revoltiert, sie katapultiert sich aus dem alten Leben, entflieht, geht ohne alles, läßt auch die Kinder zurück, weil das Bleiben den Kindern nichts nützen würde. Über ein Frauenhaus, in dem sie in der Krisensituation Zuflucht findet, erhält sie Starthilfe in ein neues Leben, das den Zugang zu einer anderen Welt bedeutet.

Der Roman liest sich realistisch und temporeich, er ist ein Plädoyer für Toleranz und gegen dogmatische Strukturen. Die Problematik der Orthodoxie, aber auch das Spannungsverhältnis zwischen der jüdischen und der arabischen Welt behandelt Lavee differenziert und mitreißend. Die Autorin lebte von 1968 bis 1992 in Israel, dann übersiedelten sie und ihre Mann, der dem Holocaust als Bub durch Flucht aus Wien entkommen konnte, wieder nach Österreich. Lavees Erfahrungen in Israel sind in dieses Buch kenntnisreich eingeflossen. Da die orthodoxe jüdische Kultur vielen Leserinnen und Lesern wenig bekannt sein wird, hat der Verlag mit der Autorin ein Glossar angefügt, in dem Wörter und Begriffe erklärt werden. So wird dieses Buch nicht nur zur spannenden Lektüre auf der Basis einer positiven Emanzipationsgeschichte jenseits jeder religiösen Zugehörigkeit, sondern auch zu einem Kennenlernen einer fremden Welt.

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