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Frauenbild

Verehrte Gäste – unsere Muttersprache hat im Umgang mit gesellschaftlicher Realität meist kein Blatt vor dem Mund. Sie ist Abbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit und der persönlichen Haltung von Sprechenden. Unreflektierte Verwendung von Sprache verrät oft mehr über die Sprechenden, als ihnen lieb sein kann. Und Bedeutungsverschiebungen von Ausdrücken sind Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen.

So spricht man von einem richtigen Mannsbild, um schmeichlerisch zu betonten, daß ein Mann etwas darstellt. Der Ausdruck Weibsbild hingegen klingt doch etwas abfällig.

Für einen ansehnlichen Mann kann man nicht bloß Mannsbild sagen, sondern, etwas feiner und etwas altmodisch, auch „ein Bild von einem Mann“. Die Gleichzeitigkeit von zwei verschiedenen Bedeutungen, also jener einer realen, physischen Gestalt – nämlich des Mannes, über den ich so fein sagte „Ein Bild von einem Mann“, und der bildlicher Darstellung, also einer künstlerischen Arbeit zum Motiv „Mann“, verweist auf eine Übereinstimmung zwischen der Wirklichkeit und der Kunst.

Doch die Formulierung „ein Bild von einem Mann“ läßt sich auch noch anders lesen, nämlich so, daß der Mann Schöpfer eines Objektes, des so angesprochenen Bildes, ist. Statt dessen hier den Begriff Männerbild oder Männerkunst zu verwenden, fällt wohl kaum jemanden ein. Schließlich mußte und muß in unserer Gesellschaft nicht erst hervorgehoben werden, daß der Künstler ein Mann ist. Und daß es etwas zu hinterfragen gäbe an den gesellschaftlichen Rollen des Mannes und man den Begriff Bild auch auf den Mann und seine Repräsentationen anwenden könnte, diese Überlegungen sind eine relativ junge Leistung unserer Gesellschaft.

Die einfache Formulierung Ein Bild von einer Frau wird mehrheitlich zunächst so verstanden, daß damit eine bildliche Darstellung einer Frau gemeint ist. Erst eine besondere Betonung mag den Gedanken darauf lenken, daß die Frau die Erzeugerin des Bildes ist.

In der Kunstgeschichte muß man, was frühere Jahrhunderte betrifft, schon lange und genau suchen, um Bilder von Frauen zu finden, und erst im 20. Jahrhundert schafften Frauen es, die verschlossenen Tore der Kunstakademien und Galerien und Museen zu öffnen und sich und ihre Bilder dort zu plazieren.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die sozialen und emanzipatorischen Bewegungen für einen Glauben und die Hoffnung auf große Veränderungen standen, war der Kampf der Frauen um die Anerkennung in der Gesellschaft auf vielen Ebenen angebrochen: auf rechtlicher, sozialer, ökonomischer und künstlerischer.

Nun, in der Postmoderne angekommen, die übergreifende Ideen und Bekenntnisse ablehnt, scheint es für die Frauen in mancherlei Hinsicht so, als ob wir zu allen gesellschaftlichen Bereichen prinzipiell als jeweiliges Individuum Zugang hätten.

Doch manche Ziele, die bereits in der Ersten Republik oder sogar davor thematisiert wurden, sind für Frauen faktisch noch nicht erreicht. Während wir in Österreich zwar von einer rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter sprechen können, ist sie z.B. ökonomisch keineswegs gegeben.

Jährliche Statistiken über die Durchschnittseinkommen von Männern und Frauen in Österreich sprechen in der klaren Sprache von Zahlen sogar von sich verschlechternden Verhältnissen. In der Ära der Postmoderne, die sich gerne in einem Diskurs darüber erschöpft, wie die Verhältnisse zu deuten sind, ringen viele Frauen weiterhin um das Elementare.

Bezogen auf die bildende Kunst, ist erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Frauen der Zugang soweit möglich, daß sie nicht nur vereinzelt auftreten, sondern ein breites Spektrum einbringen. Besonders seit dem Beginn der feministischen Frauenbewegung in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich auch in Österreich eine breite Öffentlichkeit entwickelt, die der Sicht der Künstlerinnen auf die Welt Aufmerksamkeit entgegenbringt.

In der von Alexandra Schantl aus den Beständen des NÖ Landesmuseums überlegt kuratierten Ausstellung werden Beispiele von Skulpturen und Objekten und von Fotografien oder auf der Ästhetik der Fotografie beruhende Werke, zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler unter dem Titel „Frauenbild“ gezeigt. Die eigene, sehr persönlicher Sicht der Kunstschaffenden wird dabei ebenso zum Ausdruck gebracht, wie eine Reflexion gesellschaftlicher Zuschreibungen angeregt wird.

Der Zeitrahmen, den das älteste und das jüngste Kunstwerk markieren, ist 1965–2002.

Man könnte für die Ausstellung gut und gerne statt „Frauenbild“ auch die Formulierung „Bilder von Frauen“ zulassen. Nicht, daß hier nur Künstlerinnen ausgestellt worden wären – aber doch mehrheitlich. Ergänzt werden sie durch Beispiele männlicher Frauenbilder.

Denn der Begriff Frauenbild transportiert zunächst kulturelle Zuschreibungen, die Frauen recht allgemein adressieren. Das Frauenbild war gerade im 20. Jahrhundert vielfältigen Veränderungen unterworfen – und hat dennoch eine Reihe von Konstanten, die ihre jeweilige ideologische Verankerung haben.

Daß sich in den letzten Jahrzehnten nun auch Frauen mit den Frauenbildern unserer Gesellschaft künstlerisch beschäftigen konnten und mit ihren Arbeiten Ankerennung erfuhren, steht für partielle, positive Veränderung unserer Gesellschaft und für das Potential von Selbstbestimmung durch Eigendefinition.

Interessant ist das, was die bildenden Künstlerinnen in die Kunst einbringen können, allemal – nicht nur, wenn es um die Fragen von Identitäten geht. Denn in der Kunst geht es selbstverständlich immer um die Grenzen, die der Künstler/die Künstlerin während und in der künstlerischen Arbeit für sich ausmißt und weitertreibt. Gleichzeitig aber geht es auch darum, was Kunst in einer Gesellschaft kann und wie sie von der Gesellschaft aufgenommen und verarbeitet wird. Die Beteiligung der Künstlerinnen an dieser Arbeit ist für die Gesellschaft in jedem Fall eine Erweiterung, nicht nur, weil die Gesellschaft dadurch an künstlerischer Ausdrucksvielfalt gewinnt, sondern auch, weil die Gesellschaft durch die Aufnahme weiblicher Ausdruckskraft mit der Brechung verkrusteter Strukturen rechnen darf.

Bevor Sie sich nun selbst auf einen Rundgang durch die Ausstellung begeben, möchte ich Sie auch noch auf den Katalog Frauenbild aufmerksam machen. Der Katalog geht über die reine Funktion des Nachschlagewerkes, das nochmalige Betrachtenkönnen der ausgestellten Werke hinaus. Kunsthistorische und kunstkritische Beiträge erstellen darüber hinaus einen Rahmen, der dem Verständnis mancher Werke dient und den Zugang zu manchem, das zunächst vielleicht nur irritiert, aus neuer Perspektive ermöglicht.

Der Katalog geht aber auch über diese Funktion des geisteswissenschaftlichen Beitrages hinaus und zeigt eine spielerische Verknüpfung der Kunstsparten. Denn einige niederösterreichische Schriftsteller und Schriftstellerinnen folgten der Einladung, sich von Thema und Einzelwerken inspirieren zu lassen und schrieben literarische Texte, die den Katalog neben dem Bilderbuch und dem theoretischen Werk auch noch zum literarischen Lesebuch machen.

Ich wünsche Ihnen viele Anregungen bei Ihrem Besuch der Ausstellung!

Rede vom 14. November 2003, gehalten zur Eröffnung
der Ausstellung Frauenbild im NÖ Landesmuseum, St. Pölten.

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