Texte

Ein prototypisches Leben im 20. Jahrhundert.
Nachwort zu Hilde Schmölzers "Das Vaterhaus"

Autobiographische Texte vermitteln, wenn dies Intention der Schreibenden ist, im besten Sinn eine Zeitanalyse aus der definiert subjektiven Sicht. Dies trifft auch auf Hilde Schmölzers DAS VATERHAUS zu. Ohne den zweifelhaften Anspruch an Objektivität zu bemühen, kreiert Schmölzer ein Sittenbild österreichischer Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dem Anspruch, weibliche Lebenserfahrung in den Mittelpunkt zu stellen. Wie schwierig das ist, darauf weist schon der Titel des Buches, DAS VATERHAUS, der die Männerwelt in ihrer Etabliertheit vorführt. Vater ist jener Mann, dessen Verfügungsgewalt im materiellen wie moralischen Sinn entscheidend ist. Patriarchale Geschichte von unten – aber wie anders könnte sie gesehen werden, wenn der Blickwinkel der einer Frau ist – mit all den Zutaten gewürzt, die für viele Frauen Schmölzers Generation und folgender Generationen essentiell waren, ist die Folie, auf der ein subjektives Schicksal sich abbildet und im Augenblick der Abbildung prototypische Züge annimmt.

Nicht von ungefähr scheint der Name der Heldin gewählt: Eva ist die erste Frau der Welt in der Interpretation der hierorts herrschenden Religion, und an ihr hängt das Schicksal des Mannes und also der Menschheit: Weil sie den eigenen Weg geht und ohne väterliche Erlaubnis den Apfel der Erkenntnis an sich nimmt, stürzt sie sich und vor allem auch den Mann ins Unglück. Ihre Geschichte ist unerhört, denn allein aus ihrer Bewegung heraus geschieht alles, dennoch wird sie zur Seite gestoßen, verdeckt von den Männern, die sich um sie scharrten und ihre Einsicht verlangten, daß das Gesetz des Vaters gut ist.

Schmölzers Eva erleidet Ähnliches. Nur: Sie ist bereits Teil einer unendlich sich fortgesetzt habenden Kette von Evas, die entweder in Demut ihr eigenes Leben zugunsten eines, in welcher Weise auch immer, fordernden Mannes aufgegeben haben, oder die einen hohen Preis für den eigenen Weg zahlen mußten, nicht wenige davon mit der harten Währung ihres Körpers.

Vielleicht weil Schmölzer diese Geschichte der Frauen besonders gut kennt, verwehrt sie sich nicht dagegen, der eigenen Geschichte mit jener packenden Mischung aus feministischer Analyse und Emotion zu begegnen.

In eine Rahmenhandlung verpackt, ist Schmölzers DAS VATERHAUS streng chronologisch aufgebaut. Der erste Blick auf Evas Geschichte zeigt Evas ersten Blick auf die Welt. Schon bald malt sie die Frauenfiguren in ihrer Familie mit detaillierten Strichen, und nicht umsonst nimmt die Mutter dabei einen großen Raum ein. Denn die Mutter ist wichtiger als der Vater in Schmölzers Geschichte, wichtiger, weil sie als Vorbild und als fehlendes Vorbild gleichermaßen Realität und Ideal der jungen Eva bestimmt. Die Mutter steigt einmal aus den Verstrickungen ihrer Existenz heraus, als sie, während der kriegsbedingten Abwesenheit des Gatten, einen Freiraum zur eigenen Entwicklung gewinnt und einen Geliebten findet, der ihren geistigen Hunger ernst nimmt. In dieser Zeit wird die Mutter zu einer schönen, geliebten Frau, die von der Tochter bewundert wird. Doch der Mann und Vater kehrt aus dem Krieg zurück. Er, der für Deutschland in den Krieg gezogen ist, verlangt nun ein anderes Ideal: die Frau soll ihm Deutschland ersetzten, mußte es während der Zeit der Gefangenschaft ja schon längst ersetzten: Statt Deutschland ist sie nun die Trägerin seiner Reinheitsphantasien. Und er fordert von ihr, diese Rolle zu erfüllen. Unter dem Druck des Mannes verliert sich die Frau wieder, sie wird zur verblassenden Muttergestalt, die keinen Halt mehr bietet, sich immer mehr zurückzieht, auch dann, wenn der Vater die Nähe der Tochter sucht, um die mangelnde Nähe der Frau auszugleichen. Die Scheidung der Mutter ist ein Akt äußerster Revolte in der kleinen oberösterreichischen Stadt in den 50er Jahren. Mutter geht weg, aber sie findet keinen eigenen Weg, sondern statt dessen bald einen neuen Mann, der ihr Leben gestaltet. Eva, die ihre Mutter fürs Weggehen in all ihrer Trauer bewundert hat, empfindet diese Abkehr vom eigenen Weg als tiefen Verrat der Mutter.

Hier spricht Schmölzer ein Thema an, das diese Kultur zutiefst geprägt hat: die Enttäuschung der Töchter über die Mütter in einer patriarchalen Welt. Alle Mütter, die sich unterwerfen, die untergehen, stehen den Töchtern bei ihrem Kampf ums Eigene im Weg: Wenn die Mutter es nicht geschafft hat, wie sollte ich es schaffen? Die Tatsache, daß kaum eine Tochter so zu werden wünscht, wie die Mutter ist/war, schlägt in dieselbe Kerbe der Enttäuschung. Mutter war eben kein befreiendes Vorbild, sondern Verräterin im Patriarchat.

So wird Eva, die sich nach München auf die Fotoschule wagt, in dieselbe Falle tappen, wenn sie später ihren Ehemann Bernd erwählt: Bernd schleudert ihr, die noch einen Rest eigenes Leben am Zipfel festhalten will, entgegen: ãDu bist nichts, keine Gattin, keine Geliebte, keine Hausfrau und auch keine JournalistinÒ, und ãEva spürt tief innen, daß sie nichts ist, weil sie alles sein will und weil alles für sie nicht vorgesehen ist.Ò Eva gibt sich auf zugunsten des Mannes, die Trennung schließlich ist ein Akt unendlicher Anstrengung, verbunden mit allen Nachteilen: Eva muß das Kind allein großziehen. Sie muß arbeiten, um sich und das Kind durchzufüttern. Und: Sie will arbeiten, weil es Teil ihres Lebens ist, nicht eines verschenkten Lebens.

Während der tyrannische, unverständige Vater keinen Erkennungsprozeß durchmacht, läßt die Mutter nach einer Operation durchblicken, daß sie durchschaut, welche Schuld sie auf sich geladen hat, als sie wegging aus dem Haus des Gatten und die Tochter zurückließ. Doch wie hätte sie versuchen sollen, ihr eigenes Leben zu führen, wäre sie nicht gegangen? Ein unlösbares Problem für die Frauen dieser Kultur und dieser Generation.

Schmölzer hat sich historisch journalistisch immer wieder mit dem Leben der Frauen und mit den Situationen, in die sich Frauen unversehens hineingeworfen finden, beschäftigt. So beschäftigte sie sich in ihren Büchern mit dem Phänomen Hexe (1986), der verlorenen Geschichte der Frau (1990), dem gekauften Geschlecht Frau (1993), dem männlichen Krieg (1996) und der Revolte der Frauen – 200 Jahre Emanzipation der Frau (1999). In DAS VATERHAUS gewinnt zum ersten Mal in Schmölzers Schreiben das Persönliche den wichtigsten Platz. Es scheint so, als hätte Schmölzer lange den anderen Frauen Raum schaffen müssen durch ihre Publikationen, ehe sie den Mut gewann, über sich zu sprechen. Noch immer hält sie Distanz zur eigenen Geschichte und zum Anspruch: Jetzt spreche ich über mich. ãIchÒ sagt sie nicht. Es bleibt bei Eva, der ersten Frau, der Frau all ihrer Recherchen und Bücher, egal ob Eva dann Johanna oder Maria Theresia oder Magdalena oder Elisabeth oder Marianne heißt. Eva steht für alle Frauen – nur diesmal gewinnt sie das Gesicht der Autorin.

Hilde Schmölzer lebte in derselben Stadt wie Marlene Haushofer. Steyr ist nicht bloß eine der besonders schönen österreichischen Städte, herausragend vielleicht sogar durch die leidenschaftliche Geschichte einer Arbeiterbewegung und eines wiederkehrenden Wohlstandes, Steyr hat durch Haushofer in der literarischen Welt Bedeutung. Haushofers Texte entstanden vor allem in den 50er Jahren, einer Zeit, der Schmölzer in DAS VATERHAUS besonderen Augenmerk zuwendet. Doch im Gegensatz zu Haushofers Texte, die sich in einer poetischen Frage um die Einsamkeit der Protagonistinnen verbreitern, überläßt Schmölzer die Interpretation des Dargestellten nicht mehr den Lesenden. Sie weiß um die Grausamkeiten in den Leben der Frauen, und sie ist angetreten, dezidiert zu sagen: Das Leben der Frauen war von so vielen Einschränkungen begrenzt, daß es aufgrund der äußerlichen Umstände keine innere Befreiung geben konnte und folglich kein Glück.

Schmölzers DAS VATERHAUS ist, wie jede Lebensgeschichte, Autobiogaphie und Fiktion. DAS VATERHAUS zeigt anhand eines Frauenlebens auf, mit welchen Schwierigkeiten die Frauen konfrontiert waren, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert in Österreich geboren wurden. Trotz mancher äußerer Freiheiten war jeder Schritt zur persönlichen Freiheit Kraft und/oder Mutprobe.

Möge im neuen Jahrhundert eine Gesellschaft entstehen, in der den Frauen diese Probleme endlich erspart bleiben.

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