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Laudatio
Wildganspreis für Barbara Neuwirth
Von Marianne Gruber

„Wenn abends die Dämmerung einsetzte und sich etwas breit zu machen begann in den dunklen Gräben und Schluchten, das als grauer Nebel wuchs und stand im schmalen Gras, wenn mit einem Schlag die Drosseln verstummten und nur noch der Schrei eines aufflatternden Dompfaffs zu vernehmen war, dann setzte eine lauernde Ruhe ein als Auftakt zu den dunklen Spielen, von denen die Welt nichts zu wissen wünscht.“

Mit diesen Worten beginnt Barbara Neuwirths Erzählung Abschied von Drosendorf und dieser Beginn könnte als Motto vielen ihrer Texten voran stehen.

1958 in Eggenburg geboren, in Drosendorf aufgewachsen, erlebt das Kind Barbara die Thaya als dunklen Fluss, auf dessen Grund Unheimliches lauert, den Wald als Ort bedrohlicher Geheimnisse, in denen Trolle den Menschen nachstellen. Das nördliche Niederösterreich mit seinen dunklen Gewässern, den kühl melancholischen Abenden und Geheimnisse versprechenden Schatten ist Ursprung vieler Bilder in Barbara Neuwirths phantastischen Erzählungen, die der Tradition der klassischen Phantastik zuzurechnen sind – ein Genre, das sie wie kaum jemand sonst beherrscht – und die sich dadurch auszeichnet, dass es keine Brücke zwischen der Logik der Innenwelt zur Logik der Außenwelt gibt. Ertrinken möchte man in diesen Landschaften, in der poetischen Kraft, mit der sie vorgestellt werden, untergehen. Gleichzeitig tritt uns eine fremde Welt entgegen, eine die uns nicht mehr vertraut ist und die kein Vertrauen erweckt.

Dichtung bedeutet nicht: zu sehen, was alle sehen, zu sagen, was alle sagen, zu wissen, was alle wissen, oder zu erzählen, was alle erzählen. Erzählte Dichtung, was alle erzählen, wäre sie nicht Dichtung, sagte sie, was alle sagen, wäre sie nicht Dichtung, erblickte sie, was alle erblicken, wäre sie nicht Dichtung. Sie ist es durch den besondern Blick aus einem Abseits heraus, in dem alle Dichtenden stehen, vermittels eines Blicks nicht ins Zentrum aller Blicke, sondern einen, der sich sein eigenes Zentrum schafft.

Dieser besondere Blick ist der Blick einer Frau, die zur Revolte angetreten ist gegen nicht hinterfragte Konventionen, gegen die Machtspiele der Welt und die dies im Kleid phantastischer Erzählungen tut. Es ist ein doppeltes Spiel, das sie treibt. Indem sie ihre Leser in das Unheimliche verstrickt, in eine Welt, in der uns nichts vertraut ist, denunziert sie das Gegebene, dem wir vertrauen, als vertrauensunwürdig. Das metaphysische Geheimnis wird zum existentiellen verwandelt, das existentielle zum metaphysischen. Die getrennten Welten brechen ineinander auf, ohne sich entwirren zu lassen. Ist die Welt nun nicht mehr dicht?

In den Sog ihrer Erzählungen geraten gibt es kein Entrinnen. Mit unabweisbarer Konsequenz entführt die Autorin in die Tiefen des Unbewussten, entwirft Szenarien bedrohlicher Geheimnisse, düstere Analyse weiblichen In-der-Welt-Seins, das gefangen gehalten in der Illusion von der wahren Liebe, durch Konventionen hinter verschlossenen Türen von den Lebensmöglichkeiten in der Welt abgehalten wird. – Wie Maria, die Hauptfigur in der Novelle Im Haus der Schneekönigin, die, obwohl missbraucht durch Erziehung, dennoch lernt, Türen zu öffnen, immer auf der Suche nach der richtigen Berührung, der Liebe, die standhält. Dass sie Feuer legt, ist der letzte, erfolglose Versuch eines Aufbegehrens, das scheitern muss. Die Kälte wird siegen, Maria bezahlt das Türen Öffnen mit ihrem Leben.

„Liebe, sage ich und meine, daß er mit mir sprechen soll [...]“ – Richard, nach dem sie sich sehnt, soll sie halten, aber die richtige, sie nicht enteignende Berührung bleibt aus. Freiheit ist das andere Wort für Tod.

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(Textauszug! Volltext als RTF-Datei)

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